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Die Entdeckung der Möglichkeit von Wissenschaft

  • Jürgen Mittelstrass
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Part of the Boston Studies in the Philosophy of Science book series (BSPS, volume 240)

Zusammenfassung

Wenn wir heute von Wissenschaft sprechen, dann denken wir zumeist an die neuzeitliche Wissenschaft, wie sie seit Galilei und Newton entstanden ist; wir denken dabei also insbesondere an die exakten Wissenschaften, wobei exakt hier heißen soll, daß gewisse Wissenschaften sich in ihrem methodischen Aufbau der Mathematik und der formalen Logik bedienen. In exemplarischer Form ist dies bei der Physik der Fall, und insofern diesen Aufbau begonnen zu haben, das Verdienst eines einzelnen Mannes, nämlich Galileis ist, scheint es darum auch gerechtfertigt zu sein, mit dem Anfang des 17. Jahrhunderts einen absoluten Anfang in unserer Wissenschaftsgeschichte, zumindest aber in der Geschichte des Selbstverständnisses der Wissenschaft zu setzen. Gleichwohl glauben wir nun aber zu wissen, daß nicht erst die Neuzeit seit 1600, sondern weit früher schon das griechische Denken die Wissenschaft in die Welt brachte, und von einem Anfang der Wissenschaft zu reden, nur Sinn hat, wenn man bedenkt, welche Rolle die Griechen in der Geschichte der wissenschaftlichen Bemühungen des Menschen gespielt haben. Tatsächlich wird denn auch zu Beginn des 17. Jahrhunderts nicht die Wissenschaft überhaupt entdeckt, sondern lediglich die Möglichkeit der Physik als Wissenschaft1. Und nur weil die Physik alsbald zur exemplarischen Wissenschaft schlechthin wurde und darüber hinaus bis heute diejenige Wissenschaft geblieben ist, die auf dem Umweg über die Technik in einzigartiger Weise verändernd in die Welt und in das Leben des einzelnen eingreift, kann der Eindruck entstehen, es handele sich bei der Entstehung der neuzeitlichen Wissenschaft um das Entstehen von Wissenschaft überhaupt.

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Literatur

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    Auch ein bei Aristoteles (Analytica Priora A24. 41 b 13–22) überlieferter alter Beweis des Basiswinkelsatzes, der ebenfalls von der Annahme Gebrauch macht, daß die gemischtlinigen Halbkreiswinkel im Kreis einen festen Wert besitzen, dürfte, wie TH. HEATH bemerkt hat (Mathematics in Aristotle, Oxford 1949, S. 23 f.)Google Scholar
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© Springer Science+Business Media Dordrecht 2004

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  • Jürgen Mittelstrass

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