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Einleitung

  • Jiska GojowczykEmail author
Chapter
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Part of the Veröffentlichungen der Sektion Religionssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie book series (DGSRELIGION)

Zusammenfassung

Wie wird in transnationalen, religiösen Gemeinschaften bedrucktes Papier zu alltäglicher Praxis? Das Kapitel leitet in die mikrosoziologische Untersuchung der Glokalisierung von Umweltschutzzielen in katholischen Ordensgemeinschaften ein. Gefragt wird, auf welche impliziten und expliziten Wissensbestände Mitglieder des Ordens der Minderen Brüder und der Gesellschaft Jesu für die Interpretation von Umweltschutzzielen sowie für die damit verbundenen Bewertungen und Verhandlungen insbesondere in Deutschland und auf den Philippinen zurückgreifen. Die Untersuchung hilft maßgeblich zu beantworten, inwiefern in Bezug auf globale ökologische Krisen mit dem Engagement religiöser Gemeinschaften gerechnet werden kann.

Wie wird in transnationalen, religiösen Gemeinschaften bedrucktes Papier zu alltäglicher Praxis? Dass Menschen nicht unbedingt das Gleiche meinen, wenn sie das Gleiche sagen, ist eine Alltagsweisheit. Es ist nicht überraschend, dass dies zum Problem werden kann, wenn gemeinsam etwas getan werden soll. Menschen nehmen sich diesem Problem ständig an. In dieser Arbeit wende ich mich solchen Situationen in zwei katholischen Ordensgemeinschaften zu. Ich frage, wie sie ihre gemeinsamen Umweltschutzziele interpretieren und welche Bewertungen und Verhandlungen innerhalb der Gemeinschaften damit einhergehen. In diesem Zusammenhang werden scheinbare Alltagsprobleme und ihre Bewältigung zu höchst relevanten Ereignissen: Es kann von ihnen abhängen, ob ein Protest gegen einen einflussreichen Industriesektor zum Schutz von indigenen Bevölkerungsgruppen und alten Wäldern Fürsprache und Gehör findet, ob knapp drei Millionen in jesuitischen Schulen und Hochschulen unterrichtete Schüler*innen weltweit in Mülltrennung unterrichtet werden oder ob fast 17.000 hochmobile Jesuiten den CO2-Ausstoß ihrer Flüge durch Zahlungen an ein eigens aufgelegtes nachhaltiges Aufforstungsprogramm kompensieren.

Solche und ähnliche Umweltschutz-Initiativen von religiösen Gemeinschaften lassen sich überkonfessionell und global ausmachen: Mönche in Kambodia weihen Bäume zu Priestern, damit sie nicht gefällt werden. In Indonesien verbietet eine fatwa1 die Tötung von vom Aussterben bedrohten Tieren. Der römisch-katholische Papst wirbt vor der UN-Generalversammlung für ein ehrgeiziges Klimaabkommen. Diese Ereignisse werden zuweilen als Ausdruck einer globalen Bewegung für „religiösen Umweltschutz“ betrachtet. Diese kann, wie die Beispiele zeigen, vielfältige Formen annehmen. Es zeichnet sie übergreifend aus, dass religiöse Akteure und Gemeinschaften sich Umweltproblemen annehmen und darauf aufbauend zum Schutz der Umwelt handeln (Darlington 2012; Tucker und Grim 2017, S. 11; Vidal 2014).

Damit reiht sich die vorliegende Forschung ein in eine Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten aus verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit der Rolle religiöser Akteure als Beteiligte an Zivilgesellschaften befassen, beispielsweise zu Themen wie Menschenrechten (vgl. z. B. Bush 2007, 2005; Trigeaud 2012), religiöser Revitalisierung (Atalay 2016) oder auch Klimapolitik (Callison 2014; Glaab 2017; Glaab und Fuchs 2015). So wendeten sich verschiedene Studien aus den Internationalen Beziehungen der Rolle und den Strategien von religiösen Akteuren zum Beispiel im Kontext der Vereinten Nationen zu (wie Boehle 2010a, 2010b). Politikwissenschaftler*innen und Soziolog*innen untersuchen unter anderem transnationale Gemeinschaftsbildungen und deren Einflüsse auf nationale Politiken (z. B. Byrnes 2011; Levitt 2004). Die verschiedenen Studien eint, die Bedeutung religiöser Akteure als Bestandteil von lokalen, nationalen und transnationalen Zivilgesellschaften aufzeigen zu können.

Während jedoch das strategische Handeln religiöser Akteure außerhalb der eigenen Gemeinschaft zunehmend untersucht wird, widmen sich bisher kaum empirische Studien dem Phänomen mit Blick auf die internen Sinnzuschreibungs- und Aushandlungsprozesse, besonders in transnationalen religiösen Gemeinschaften (doch siehe Ellingson 2016 zum Versuch US amerikanischer religiöser Akteure, Umweltschutz in ihren Gemeinschaften zu verankern; Levitt 2001 zur religiösen Gemeinschaftsbildung von Arbeitsmigrant*innen). Dabei ist es alles andere als eindeutig, wie religiöse Akteure abstrakte Ziele wie Umweltschutz mit handlungsleitender Bedeutung füllen. So zeigte eine Studie zu katholischen Klimawandelskeptiker*innen in den USA, dass diese manche Formen des Umweltschutzes wie Wasserschutz unterstützen, Klimawandel-mitigierende Maßnahmen hingegen ablehnen (Vincentnathan et al., S. 142).

Ich untersuche in dieser Arbeit Gemeinschaften, die sich selbst auf globaler Ebene Umweltschutzziele auferlegt haben, wobei vorerst unklar ist, wie sie diese Ziele interpretieren: Einerseits sind die Mitglieder so vielfältig beispielsweise bezüglich ihrer Generationszugehörigkeiten, Professionen und Wohnorte, dass fast davon ausgegangen werden muss, dass sie nicht das Gleiche meinen, wenn sie das Gleiche sagen. Andererseits kann aufgrund ihres Commitments zu der Gemeinschaft und dessen alle Lebensbereiche umfassenden Konsequenzen angenommen werden, dass sie die Welt innerhalb ihrer Gemeinschaft so ähnlich sehen wie kaum andere: Ich untersuche Umweltschutz in zwei katholischen Ordensgemeinschaften.2

Dabei zeichnet diese Ordensgemeinschaften erstens aus, dass die Möglichkeit eines Ausstiegs aus dem Gemeinschaftsleben als Bewältigungsform bei Dissens für einzelne Mitglieder mit sehr viel mehr sozialen und oft auch ökonomischen Kosten verbunden wäre, als dies in anderen Gemeinschaften zu erwarten ist. Zweitens werden viele relevante Entscheidungen über biografische Kernaspekte wie Wohnort oder Hauptbeschäftigung hierarchisch getroffen. Alle Mitglieder haben ein Gelübde zum Gehorsam abgelegt, wobei wenige zu Weisungen über viele befugt sind. Drittens teilen die Gemeinschaftsmitglieder die Vorstellung einer gemeinsamen religiösen Identität, die nicht zuletzt mit vielen als geteilt betrachteten Normen einhergeht.

Diese normativen Aspekte sind es, die religiöse Gemeinschaften zuweilen zu Hoffnungsträgerinnen für Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen werden lassen, die sich mit moralischen Auseinandersetzungen in gegenwärtigen Gesellschaften auseinandersetzen. Als Hoffnungsträgerinnen erscheinen sie einerseits vor dem Hintergrund diverser sozialer wie ökologischer Mega-Fragen und anderseits der Wahrnehmung, dass wahlweise rationale, technokratische oder marktliberale hegemoniale Sichtweisen der Moderne diese Fragen nicht allein zu lösen vermögen, unter Umständen sogar zu deren Entstehung und Fortbestand erheblich beigetragen haben (vgl. z. B. Habermas 2016 [2001], Reder 2014, S. 87 ff.; Lamont 2012). Schon von Weber 1904 in seiner Abhandlung zur ‚protestantischen Ethik‘ (2016), später von White (1967) als Beförderer kapitalistischer und/oder umweltzerstörerischer Wirtschafts- und Lebensweisen identifiziert, werden religiöse Gemeinschaften dazu aufgerufen, nun moralische Korrektive eben dieser Lebensweisen zu sein. „Religiöse Ethik“ kann, so Winkel und Sammet (2017, S. 3 f.), als „das ethische Postulat menschlicher Solidarität, in konkreten sozialen Kontexten zur Wirtschaft und zur politischen Ordnung, aber auch etwa zur Wissenschaft in Konkurrenz [geraten].“ Wie manifestiert sich eine solche Ethik in handlungsleitenden Sinnzuschreibungs- und Aushandlungsprozessen bzw. in Handlungen?

Mit der Auswahl von katholischen Ordensgemeinschaften nimmt die Arbeit geteilte Sinnstrukturen einer umfassenderen Gemeinschaft in den Blick. Das Christentum insgesamt gilt mit 2,1 Milliarden geschätzten Gläubigen als verbreiteteste Religion der Welt, wobei die römisch-katholische Kirche die größte der religiösen Gemeinschaften darstellt (O’Brien und Palmer 2007, S. 22 f.). Im Jahr 2015 bekannten sich rund 18 % der Weltbevölkerung zum katholischen Glauben. 1.285 Millionen Menschen weltweit waren als Mitglieder der Kirche registriert. Ordensleute nehmen in der etablierten Hierarchie der katholischen Kirche bedeutende Rollen ein. Von den 415.000 geweihten Priestern, die die Gemeinschaften lokal betreuen und begleiten, waren 2015 rund 134.000 Ordensmänner, von den 5.200 Bischöfen rund 1.200 Ordensbischöfe. Einschließlich der rund 670.000 Schwestern und 54.000 Brüder wirkten darüber hinaus 2015 weltweit circa 860.000 Mitglieder von Ordensgemeinschaften neben den Ämtern der verfassten Kirche in diversen ‚Missionen‘ wie Schulbildung, sozialer Pflege oder Landwirtschaft (Agenzia Fides Service 2016; Office of Church Statistics 2017). Diese Zahlen sind nicht allein symbolische Größen, sondern materialisieren sich auch finanziell. So flossen allein von deutschen Ordensgemeinschaften im Jahr 2015 knapp 73 Millionen Euro direkt in Projekte in Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa (KKD 2016, S. 61). Umso relevanter ist die Untersuchung der Ziele, die sie verfolgen, und besonders die Frage, wie sie diese handlungsleitend interpretieren.

1.1 Glokalisierung in religiösen Gemeinschaften

Führende Ordensleute aus allen Weltregionen haben sich in Delegiertenversammlungen auf Umweltschutzziele geeinigt und sie in Dekreten und Mandaten festgehalten. Durch die Abstimmung im höchsten Gremium der Orden werden Umweltschutzziele Teil der global formulierten Mission. Am Beispiel der Gesellschaft Jesu illustriert der vorangestellte Auszug aus einem Gespräch einführend einen solchen Prozess. Mit Umweltschutzzielen werden, so meine Lesart, die Mitglieder aufgefordert, ihre Praktiken umweltfreundlicher zu gestalten und/oder damit Umweltschutz zu forcieren. Aber, wie das Zitat verdeutlicht, ist nicht unmittelbar abzulesen, was das für die Ordensleute weltweit bedeutet. Wie schreiben sie den entsprechenden Dekreten handlungsleitend Sinn zu? Wie gehen die Mitglieder mit einer potentiellen Bedeutungsvielfalt bezüglich eines geteilten Ziels um? Inwiefern kommt es in diesen Gemeinschaften zu konfliktiven Auseinandersetzungen? Wie werden Perspektiven gegebenenfalls harmonisiert oder koordiniert? Einigen sich Mitglieder auf einen gemeinsamen Blick und schließlich auf gemeinsame Aktivitäten und wenn ja, wie?

Die Gemeinschaften der Orden basieren auf der Imagination einer gemeinsamen Orientierung (Berger und Luckmann 2004 [1966]; Anderson [1983] 2006), die in transnational zusammengesetzten Delegiertenversammlungen diskutiert, theoretisiert und verschriftlicht werden. In der Tradition der Soziologie wurde Gemeinschaft lange als Gruppe von Menschen betrachtet, die sich verstehen, weil sie in Interaktion gemeinsame Sinnsysteme entwickelt haben, wie sie mit den Begriffen der Kultur oder des geteilten Wissens impliziert sind. Allein schon die Imagination einer gemeinsamen Orientierung in einer Gruppe von Menschen, die sich nicht kennt, war insofern ein Rätsel. Wissen, so eine Antwort auf das Rätsel imaginierter Gemeinschaften, kann in Form von Sprache räumliche und zeitliche Grenzen überwinden (Berger und Luckmann 1966, S. 39 f.).3 Menschen konstituieren dann eine Gemeinschaft, wenn sie sich gegenseitig als solche wahrnehmen und ein gemeinsames ‚Projekt‘ oder eine gemeinsame Identität verfolgen, auch über große Distanzen hinweg (Djelic und Quack 2010, S. 12 f.). Wissen ist jedoch dynamisch und situativ wandelbar, Projekte und Identitäten nicht statisch. Wie diverse Untersuchungen zur lokalen Nutzung global definierter Ziele zeigen, können globale, sprachlich festgehaltene Ideen viele unterschiedliche lokale Spielarten zusammenfassen (vgl. exemplarisch zu Glokalisierung Watson 2003 [1997] und Drori et al. 2014a).

Schon den Forschungsfragen liegt die grundsätzliche Annahme zugrunde, dass die Bedeutungen der Ziele sowie ihre handlungspraktischen Konsequenzen nicht offensichtlich sind. Gerade in großen transnationalen Gemeinschaften ist zu erwarten, dass die Bedeutungen sich unterscheiden, die die Mitglieder den Zielen zuschreiben – auf Grundlage ihrer divergenten Erfahrungen in unterschiedlichen sozialen Welten und darauf basierender Wissensbestände. Auch religiöse Bedeutungsproduktion wird in Wechselwirkung mit einem spezifischen (glokalen) Kontext vollzogen (Roudometof 2018, S. 2). Der Begriff der Glokalisierung betont die Verschränktheit von lokalen und globalen Prozessen und Wissensbeständen. Wird eine Idee wie das Umweltschutzziel glokalisiert, heißt das, es werden (z. B. in großen Versammlungen von Vertretern aus unterschiedlichen Weltregionen) durch Abstraktion konkrete, lokale Ideen ‚typisiert‘ und darauf aufbauend Äquivalenz zwischen unterschiedlichen Einheiten und Problemen über Grenzen hinweg konstruiert. Die typisierte Idee – z. B. ‚Umweltschutzaktivitäten in den Wohngemeinschaften eines Ordens‘ – wird in Übersetzungen lokal rekontextualisiert und schließlich in Theorie zurückgeführt (Drori et al. 2014b, S. 10).

Der Umgang mit globalen Zielen stellt dabei in religiösen Gemeinschaften keine Gelegenheits- sondern eine Alltagsaufgabe dar. Die Spannung zwischen (imaginierter) Gemeinsamkeit einschließlich einem großen Bestand schriftlicher Vorgaben bei gleichzeitiger Vielfalt von Alltagsrealitäten der Mitglieder fordert die Gemeinschaftsmitglieder ständig heraus, sich Ziele anhand des Erfahrungswissens aus unterschiedlichen sozialen Welten einerseits und des in der Gemeinschaft geteilten Wissens andererseits zu erschließen. Dieses Problem stellt sich umso klarer, wenn in hierarchischen Organisationen wie den hier behandelten neue Gemeinschaftsziele durch globale Steuerungs- und Koordinationsorgane hinzukommen. Die Mitglieder der Gemeinschaften müssen dann die neuen Ziele in ihre bisherigen Wissensbestände und Identitätskonstruktionen ‚einspeisen‘ (vgl. z. B. Berthoin Antal und Quack 2006, S. 17). Gleichzeitig sind in Ordensgemeinschaften sowohl Eintritt als dann auch Austritt mit großen Anstrengungen und sozialen, unter Umständen auch ökonomischen Kosten verbunden. Das erhöht den Druck, Disparitäten auszuhalten und/oder aufzulösen.

Dass und wie sich Glokalisierungsprozesse von religiösen Lehren und Ritualen vollziehen, ist seit den Anfängen des Forschungsfeldes zu Globalisierung Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung (vgl. besonders Robertson und Chirico 1985; Robertson 2003 [1994]). Viele religionssoziologische Untersuchungen von Glokalisierung teilen dabei den Verweis auf Konfliktpotentiale und gesellschaftliche Desintegration aufgrund der Vielfalt der Perspektiven (Beyer 2007). Dies liegt begründet in einem Perspektivwechsel hin zu einer ‚globaleren‘ Betrachtung, welche beispielsweise religiöse Gemeinschafts- und Identitätsbildung im Zuge von Migration stärker in den Blick nimmt (z. B. Warner und Wittner 1998; Levitt 2001) und welche die These der Säkularisierung als Phase in einer uniformen, weltweiten Modernisierung verwirft (z. B. Casanova 1994, 2007). Die Betonung von gesellschaftlichem Konfliktpotential aufgrund von Religion ist auch als Reaktion auf religionssoziologische Literaturstränge zu verstehen, die aufbauend auf den Arbeiten Emile Durkheims Religion die Funktion zuschrieben, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Integration zu generieren (vgl. Beyer 2007, S. 99). Gerade hinsichtlich der Forschungsfelder zu religiös-motiviertem Terrorismus und Fundamentalismus wird der Fokus auf Konflikt besonders deutlich (vgl. z. B. Juergensmeyer 2017).

Stimmen der Forschung zu religiösem zivilgesellschaftlichem Engagement und insbesondere zu Umweltschutz, welche religiösen Gemeinschaften das Potential zuschreiben, etwas zur Lösung globaler Probleme beitragen zu können, lassen sich schließlich vor dem Hintergrund des großen wissenschaftlichen Interesses an gesellschaftlichen Konflikten durch religiöse Gemeinschaftsbildung und Praktiken wie eine Gegenbewegung lesen (vgl. z. B. Bergman 2009; Tucker und Grim 2017; aber auch Stamatov 2013). Wie ich im folgenden Kapitel zum Forschungsstand darlege, steht dieser positiven Sichtweise auf Glokalisierung und Verbreitung religiöser Umweltschutzziele jedoch auch eine kritischere gegenüber, die den Beitrag religiöser Gemeinschaften zur Lösung von Umweltproblemen anzweifelt (z. B. Taylor, 2005; Taylor, Van Wieren and Zaleha, 2016). Ohne eine der beiden bewertenden Seiten einzunehmen, zeigt die vorliegende Arbeit, dass Gemeinschaftsmitglieder sehr wohl basierend auf den Zielen handeln, dass die Ziele aber auf sehr unterschiedliche Weise rekontextualisiert werden und schließlich, dass Pluralität durch Glokalisierungsprozesse nicht zwangsläufig mit Desintegration innerhalb von religiösen Gemeinschaften einhergeht, auch wenn es interne Konflikte gibt.

Die Literatur, welche die Glokalisierung ähnlicher Institutionen wie die der Umweltschutzziele in anderen Organisationen und Gemeinschaften untersucht (wie z. B. Boxenbaum und Gond 2014; Czarniawska und Joerges 1996; Czarniawska-Joerges und Sevón 2005; Drori et al. 2014a; Meyer 2014; Powell et al. 2005), wendete sich bisher insbesondere bestimmten Aspekten zu: Fragen sind beispielsweise, welche Wissensbestände in welchen Kontexten durch diese Prozesse weltweit in bestimmten Sektoren oder sektorenübergreifend verbreitet werden und wie Akteure strategisch in spezifischen Situationen versuchen, Formulierungen und Übersetzungen von globalen Ideen so zu gestalten, dass sie ihren eigenen Interessen dienlich sind. Dabei werden Muster dahingehend beobachtet, wie Akteure vorgehen und welche Kontextfaktoren mit dem Ergebnis von Übersetzungsprozessen in einem Zusammenhang stehen. Unklar bleibt, wie das, was in der Literatur üblicherweise als das bezeichnet wird, was für Akteur „selbstverständlich“ ist, konkret in die lokalen Entscheidungsprozesse einfließt und so, makrosoziologisch betrachtet, zum Eindruck der Ähnlichkeit in der Differenz führt.

Indem ich mikrosoziologisch untersuche, auf welche impliziten und expliziten Wissensbestände Ordensmitglieder für die Interpretation von Umweltschutzzielen sowie für die damit verbundenen Bewertungen und Verhandlungen zurückgreifen, adressiere ich diese Lücke in der Forschung zu Glokalisierungsprozessen und normativen Ordnungen. Ich untersuche konkret, welche Wissensbestände und welche sozialen Welten die handlungsleitenden Interpretationen eines globalen, abstrakten Ziels von Ordensleuten rahmen, welche expliziten Wissensbestände sie für Bewertungen und Verhandlungen nutzen und wie die auf Erfahrungen beruhenden Wissensbestände mit explizitem Wissen und Reflektionen der Ordensmitglieder in Beziehung stehen. Ich zeige darauf aufbauend, wie Mitglieder intern unterschiedliche Interpretationen und Bewertungen verhandeln.

Die Problemstellung dieser Arbeit folgt den handlungstheoretischen Prämissen des Amerikanischen Pragmatismus sowie der deutschen Wissenssoziologie, die beide Bedeutungsproduktion als sozialen Prozess und damit als potentiell ergebnissoffen konzeptionalisieren. Ich begründe und elaboriere im Folgenden die Perspektive einer ‚pragmatistischen Wissenssoziologie‘. Diese Perspektive lenkt den Blick auf die spezifischen Wissensbestände der Akteure, welche Interpretationen von Zielen rahmen und/oder zu reflektierten Strategien befähigen. In transnationalen, großen Ordensgemeinschaften wie auch in anderen religiösen Gemeinschaften machen die Mitglieder vielfältige Erfahrungen in unterschiedlichsten sozialen Welten, gleichzeitig aber können sie auf ein umfassendes explizit geteiltes Wissen zurückgreifen. Sie bieten deshalb in besonderer Weise die Möglichkeit, das Wechselspiel verschiedener Wissensbestände zu untersuchen.

1.2 Zur empirischen Untersuchung

Für die empirische Analyse, die dieser Studie zugrunde liegt, gehe ich den Forschungsfragen in zwei Ordensgemeinschaften in einer ethnographischen Mehrebenenanalyse mit zwei regionalen Schwerpunkten nach. Für die Ordensgemeinschaften der Gesellschaft Jesu (SJ, Mitglieder: Jesuiten) und des Ordens der Minderen Brüder (OFM, Mitglieder: Franziskaner) erhob ich im Zeitraum von Frühjahr 2013 bis Frühjahr 2015 Daten in Form von teilnehmender Beobachtung, Fokusgruppen und Dokumentenanalyse. Semi-strukturierte Interviews führte ich mit 77 Personen, darunter Ordensmitgliedern sowie Nicht-Ordensmitgliedern, die für die Forschungsfrage relevantes Wissen beitragen konnten (letztere im Folgenden: Laien). Zugrunde lag die Annahme, dass die Herstellung der Imagination des Gemeinsamen in transnationalen, religiösen Gemeinschaften im Zuge von Glokalisierung eine besondere Herausforderung ist. Spannungen wurden erwartet zwischen unterschiedlichen Perspektiven zu einem gemeinsamen Ziel, da diese Perspektiven von Erfahrungen von unterschiedlichen Orten auf der Welt geprägt sind. Entsprechend wählte ich mit den Philippinen und Deutschland zwei regionale Schwerpunkte, die sich hinsichtlich als bedeutend eingeschätzter Kontextfaktoren unterscheiden. Basierend auf dem Forschungsinteresse der Exploration war die Auswahl von Regionen und Ordensgemeinschaften eine Abwägung zwischen größtmöglicher Varianz und faktischer Machbarkeit.

Der Auswertung der Daten liegt die handlungstheoretisch begründete Trennung der Teilprozesse der Glokalisierung des Interpretierens, des Bewertens und der Verhandlung zugrunde. Durch die Analyse eines Teils der Daten anhand rekonstruktiver Auswertungsverfahren können verschiedene soziale Welten ermittelt werden, welche handlungsleitende Interpretationen der Ziele von Ordensleuten rahmen (vgl. Bohnsack et al. 2013a). Relevante Unterscheidungen zwischen verschiedenen Interpretationen werden induktiv herausgearbeitet und eine sinngenetische Typik erstellt. Auf Grundlage dieser Analyse werden basierend auf den Prinzipien der Selektion und des Kontrasts verschiedene Perspektiven der expliziten Bewertung des Ziels und seiner Entwicklung herausgearbeitet sowie Situationen der Verhandlung untersucht. So können Vorgehensweise implizites und explizites Wissen beziehungsweise für selbstverständlich gehaltene und reflektierte Wissensbestände der Akteure differenziert werden.

Die Studie ist dabei konsequent vergleichend, wobei sowohl zwischen Perspektiven einzelner Ordensleute als auch zwischen Situationen (und damit Prozessen), sozialen Welten, Regionen und Ordensgemeinschaften verglichen wird. Die Vergleichsdimension der Provinz stellt in gewisser Hinsicht einen Hybrid aus Region und Orden dar, da es sich um eine territorial bestimmte organisationale Einheit der Ordensgemeinschaften handelt. Neben dichten Beschreibungen ermöglicht das Forschungsdesign so, Annahmen zu Einflüssen auf Interpretationen, Bewertungen und Verhandlungen entlang der genannten Vergleichsdimensionen zu formulieren. Ähnliches über die verschiedenen Grenzen hinweg und Differentes tritt zu Tage.

1.3 Eingrenzung der Ziele der Untersuchung

Bevor ich den Aufbau der Arbeit knapp skizziere, möchte ich das Ziel der Untersuchung sowohl inhaltlich wie auch theoretisch eingrenzen. Angestrebt wird keine Evaluation, sondern genauere Kenntnisse über Praktiken, Verfahren und Bewertungsmaßstäbe der Ordensgemeinschaften in ihren jeweiligen Kontexten. Primäres Ziel dieser Arbeit ist nicht, die Qualität, die Sinnhaftigkeit oder die Effektivität und Effizienz des religiösen Umweltschutzes zu bewerten. Entsprechend wäre es ein schwerwiegendes Missverständnis, dieses Buch in jenem Sinne zu lesen.

Zweitens wird die in dieser Arbeit vollzogene Theorieintegration, die gleichzeitig eine methodologische Vorgehensweise ermöglicht, vorrangig zum Zweck erarbeitet, die Beantwortung der Fragestellungen zu gewährleisten. Präziser ermöglicht besonders die Integration pragmatistischer und wissenssoziologischer Theorien eine Antwort auf die Frage, wie die Bedeutungen und Wechselspiele unterschiedlicher Wissensbestände im Prozess der Glokalisierung mikrosoziologisch adressiert werden können. Im dritten Kapitel gehe ich auf die verschiedenen kultursoziologischen Literaturstränge genauer ein, die die Grundlage der in dieser Arbeit dargestellten Überlegungen bilden. Neben den Handlungstheorien des Amerikanischen Pragmatismus sowie der deutschen Wissenssoziologie nehme ich Bezug auf die empirischen und theoretischen Befunde der Glokalisierungs- und Bewertungsliteratur und Arbeiten zu Corporate Social Responsibility. Dabei werde ich mich darauf konzentrieren, den Bezug der verschiedenen Forschungsrichtungen zu meiner Fragestellung aufzuzeigen. Weniger werde ich mich mit den Verbindungen zwischen diesen Ansätzen beschäftigen, sofern sie nicht für mein eigenes Anliegen relevant sind. Es sei jedoch erwähnt, dass es diese Verbindungen zum Teil und unterschiedlich stark ausgeprägt gibt, beziehungsweise Versuche, solche Verbindungen zu fördern. Ich nenne hier illustrativ vier Beispiele: Meyer (2008) diskutiert die gemeinsamen Wurzeln von Neo-Institutionalismus und weiteren Teilen der institutionellen Organisationsforschung mit der deutschen Wissenssoziologie. Sie verfolgt das Ziel, aktuelle Arbeiten in ein Gespräch zu bringen, was nicht zuletzt durch die Sprachbarriere zwischen Englisch und Deutsch erschwert ist. Strauss‘ pragmatisch-interaktionistischer Ansatz der verhandelten Ordnungen wird von Morrill (2008) gemeinsam mit neo-institutionalistischen Arbeiten in einer soziologischen Tradition verortet, die versucht, rationalistische Organisationstheorien durch einen Blick auf Kultur zu bereichern und zu korrigieren. Strübing (2007) argumentiert für eine bisher selten verfolgte pragmatistisch-interaktionistische Wissenssoziologie. Schließlich versuchte seinerzeit der aus Deutschland nach Großbritannien emigrierte frühe Wissenssoziologe Karl Mannheim selbst, mit seinen Thesen an den amerikanischen Pragmatismus John Deweys anzuschließen (vgl. Shils 1995).

1.4 Aufbau der Arbeit

Im folgenden Kapitel stelle ich die bestehende Forschungsliteratur vorbereitend auf die Fragestellung dar, wie globale Umweltschutzziele in katholischen Ordensgemeinschaften rekontextualisert werden. Ich führe in die Untersuchung religiöser Gemeinschaften ein und diskutiere den Forschungsstand zu religiösen Gemeinschaften und sozialem Wandel im Allgemeinen und zu religiösem Umweltschutz, besonders in Christentum und der katholischen Kirche. Damit spezifiziere ich auch entscheidende theoretische Besonderheiten des Forschungsgegenstands. Relevante Ansätze zur Untersuchung von Glokalisierungsprozessen und der Harmonisierungsarbeit hinsichtlich vielfältiger Perspektiven finden sich jedoch auch außerhalb der Religionssoziologie. Deswegen gehe ich in einem ausführlichen Abschnitt auch auf Aspekte der Organisations- und Institutionenforschung ein, die sich über religiöse Gemeinschaften hinaus mit der Verbreitung und lokalen Anwendung globaler Konzepte befassen. Beide Forschungszweige, die religionssoziologische und die kultursoziologisch-organisationale, eint die mikrosoziologische Forschungslücke, in Rekontextualisierungsprozessen die Vielfalt von Akteuren, ihre alltäglichen Handlungen und ihre diversen Wissensbestände systematisch zu untersuchen. Im hieran anschließenden Kapitel entwickle ich die handlungstheoretische Perspektive dieser Arbeit, mit der ich diese Lücke adressiere.

Ich zeige den Bedarf für eine pragmatistisch-wissenssoziologische Herangehensweise auf, die implizite und explizite Wissensbestände analytisch trennen und so auch empirisch deren jeweilige Bedeutung in Glokalisierungsprozessen zugänglich machen kann. Ich schlage vor, für die Untersuchung der mikrosoziologischen Übersetzungsprozesse von globalen Ideen die Teilprozesse der Interpretation, der Bewertung und der Verhandlung analytisch zu trennen. Das Forschungsdesign und das methodische Vorgehen dieser Untersuchung erläutere und begründe ich im anschließenden Kapitel. Dabei vermittele ich auch die grundsätzlichen Informationen zum Forschungsfeld der beiden katholischen Ordensgemeinschaften und Umweltschutz in der katholischen Kirche und den ausgewählten Orden. Es ist der Beginn des Ausflugs in die spezifischen Wissensbestände der Ordensleute.

In den folgenden drei Kapiteln wende ich mich der Darstellung der Ergebnisse der empirischen Analyse zu. Im Kapitel zu den handlungsleitenden Interpretationen der Umweltschutzziele gehe ich auf die verschiedenen sozialen Welten und damit verbundenen Orientierungen ein, die anhand des spezifischen Verfahrens der dokumentarischen Methode rekonstruiert und zu einer (sinngenetischen) Typik abstrahiert werden. Ich zeige aufbauend auf dem Vergleich zwischen den Regionen und den Ordensgemeinschaften, dass sowohl ordens-externe Einflüsse wie auch geteilte Sinnstrukturen der Orden das Erfahrungswissen beeinflussen, welches die Interpretationen rahmt.

Im darauf folgenden, sechsten Kapitel untersuche ich erstens aufbauend auf dieser Typik die zielimmanenten Bewertungsmaßstäbe und –verfahren, zweitens wende ich mich expliziten Wissensbeständen der Ordensleute zu und diskutiere Bewertungen des Ziels und seiner Entwicklung. Ich lege dar, auf welche Wissensbestände sie dabei zurückgreifen und welche Zusammenhänge zwischen Interpretationen und Bewertungen sich im Material zeigen.

Schließlich kontrastiere ich im letzten Kapitel der empirischen Analyse verschiedene Verhandlungssituationen zwischen Ordensleuten. Ich zeige Unterschiede auf zwischen Verhandlungen von Ordensleuten mit gemeinsamer Zielinterpretation und solchen, in denen sich die Ordensleute entweder bezüglich der sozialen Welt nicht einig sind, welche die Zielinterpretation rahmt oder rahmen soll, und/oder bezüglich der Priorisierung der Umweltschutzziele im Vergleich zu anderen Zielen. Ich zeige beispielsweise auch, dass in formalisierten Situationen der Verhandlung, die ein geteiltes Ergebnis hinsichtlich relevanter Aspekte der Umweltschutzziele forcieren, unterschiedliche Perspektiven basierend auf im Orden geteilten, expliziten Wissensbeständen harmonisiert werden können. Den drei Kapiteln zu den Teilprozessen der Glokalisierung (Kapitel  5,  6 und  7) sind jeweils Zusammenfassungen der wichtigsten Ergebnisse vorangestellt. Die Darstellungen der systematischen Vergleiche befinden sich jeweils am Ende der Kapitel. Im Fazit diskutiere ich, was diese Arbeit und die Perspektive einer pragmatistischen Wissenssoziologie zur Untersuchung religiösen Umweltschutzes, Glokalisierungsprozessen und zu soziologischen Analysen normativer Ordnungen beitragen können und welche Fragen offen bleiben mussten.

Fußnoten

  1. 1.

    Eine fatwa ist eine muslimische Rechtsklärung.

  2. 2.

    Im Glossar werden verschiedene Begriffe aus dem spezifischen Wortschatz des Forschungsfeldes aufgeführt und definiert, auch wenn ich versucht habe, zu spezifische Bezeichnungen zugunsten der Zugänglichkeit dieser Arbeit zu vermeiden.

  3. 3.

    Ähnliches findet sich – hier verkürzt wiedergegeben – auch bei Mannheim zu der „Rolle der Sprache“ und „der begrifflichen Fixierung, die allein eine Dauervereinbarung und Erweiterung des Erfahrungsraumes zuläßt“ (Mannheim 1980, S. 216).

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Authors and Affiliations

  1. 1.HennefDeutschland

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